Das unterirdische Holz der Lausitz

Vor etwa 12-15 Mio. Jahren war das Erdklima insgesamt deutlich feuchter und wärmer als heute, Mitteleuropa befand sich in einer subtropischen Zone. Wo heute Weiden und Birken stehen, wuchsen immergrüne Laubwälder aus Lorbeergewächsen, Magnolien, Feigen und Rattanpalmen. An den Küsten der europäischen Inselwelt gab es Mangroven und in den warmen Meeren mit einer Oberflächentemperatur von etwa 26 °C bildeten sich Korallenriffe. Im Laufe des mittleren Miozäns gab es ausgeprägte Schwankungen des Meeresspiegels zwischen der Küste und den Bergen der Oberlausitz. Die immergrünen Wälder wurden geflutet, ihre Bäume und Sträucher mit Sand überspült und zur Nahrungsquelle für Mikroorganismen, die in diesem sauerstofffreien Milieu leben konnten. Intensive Stoffwechselprozesse führten zur Moor- und Torfbildung und in zehntausenden von Jahren zu Sedimenten mit einem hohen Anteil an organischer Substanz, die durch erdgeschichtliche Vorgänge wie die Eiszeiten noch verdichtet und auch verschoben wurden.

Mit geowissenschaftlichen Methoden kann der sogenannte Inkohlungsgrad von solchen mehrheitlich aus Organismen entstandenen Sedimentgesteinen bestimmt werden. Braunkohle steht dem Torf nahe und hat einen Gehalt von 60-70% Kohlenstoff, dann kommt Steinkohle und schließlich Anthrazit, das einen Kohlenstoffgehalt von 93-96% hat. Der Inkohlungsgrad ist vor allem ein Maß für die Güte einer energiewirtschaftlichen Nutzung dieser Sedimentgesteine. Braunkohle ist aus dieser Perspektive weniger wertvoll, sie hat bergfrisch ein Drittel des Brennwertes von Steinkohle, im getrockneten Zustand zwei Drittel.

Während dem schwarzen und harten Anthrazit seine organismische Herkunft kaum noch anzusehen ist, kann die Braunkohle ihre Herkunft nicht verleugnen. Sie besteht aus zum Teil meterlangen Pflanzenfasern, das aus dem Flöz entnommene Material mit seinen kreuz und quer liegenden faserigen Strukturen erinnert eher an von Windbruch gefällte Bäume als an ein Gestein. Beim maschinellen Abbau stellen sich diese Strukturen des unterirdischen Holzes mitunter buchstäblich quer und verkeilen sich in der Mechanik der riesigen Schaufelradbagger. Es ist, als ob sich die altehrwürdigen miozänen Organismen dem grobschlächtigen Zugriff widersetzten und auf ihre Individualitäten verweisen würden, ein Mangrovenast, ein Palmenblatt, ein Schirmtannenstamm. Und während anderes fossiles Holz in Naturkundemuseen als „versteinertes Holz“ ausgestellt und andächtig bestaunt wird für seine Zeugenschaft von Millionen von Jahren Erdgeschichte, sind die miozänen Holzfasern in Welzow Süd nichts als ein Hindernis im Tagebaugetriebe.

Um dieses widerspenstige Pflanzenmaterial überhaupt zu einem genormten und handelsfähigen Industrieprodukt umzuformen, muss ein erheblicher Aufwand getrieben werden. Zertrümmerung, Transport, Reinigung, Trocknung, Verpressung sind nur einige Schritte, hinter denen jeweils eine technologische Expertise steht, auf deren Spuren sich eine beeindruckende Kulturgeschichte des Umgangs mit dem unterirdischen Holz erzählen lässt, die in der Lausitz bis in die Renaissance zurückreicht.

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Astrid Schwarz

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