Überlieferungen: Lebensgeschichten in der Lausitz

Was, wenn die bisherige Gewissheit der Lebensplanung durch eine bevorstehende Umsiedlung ins Wanken gerät? Welche Erfahrungen, Perspektiven, Erwartungen, Wünsche verknüpfen sich mit dieser von außen herangetragenen Veränderungen der Lebensplanung? Was wird aus dem schon Erreichten? Wie in dieser Unsicherheit Normalität leben? Diese Fragen stellte Max Lewa im März und April 2016 den Einwohner:innen der Gemeinden Trebendorf und Schleife für seine soziologisch angelegte Regionalstudie. Seit Dezember 2006, als die Vattenfall Europe Mining AG, heute LEAG, ihre Inanspruchnahme auf das Abbaugebiet 2 beantragte, wurde eine mögliche Umsiedlung für die Menschen in den Gemeinden Schleife und Trebendorf immer greifbarer, bis sie – elf Jahre später – nach jahrelangem (Um)planen, Vorbereiten und Ausharren erfuhren, dass es einen vorläufigen Umsiedlungsstopp gibt. Die Zukunft Mühlroses ist jedoch auch heute noch nicht abschließend geklärt.

Die Ergebnisse der lebensgeschichtlichen Gespräche sind eine Momentaufnahme eines tiefgreifenden Strukturwandels in der Lausitz aus Sicht der Bewohner:innen der drei Kommunen. Gleichzeitig erinnern sie an die geführten gesellschaftlichen Debatten, individuellen Handlungsspielräume und Lösungsstrategien. Jene lebensgeschichtlichen Erzählungen ergänzen die Überlieferungen staatlicher Archive und liegen auch manchmal quer zu den dort befindlichen Aussagen. Beispielhaft dafür stehen diese Interviews, die im Langzeitprojekt Lebensgeschichtliches Archiv für Sachsen (LGA) am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (Dresden) im Projekt 73: Umsiedlung im Gebiet des Tagesbaus Nochten, verwahrt werden. Seit 1997 verfolgt das LGA eine aktive Sammlungs- und Dokumentationstätigkeit autobiographischer und biographischer Materialien. Im Zentrum des Interesses steht die Perspektive der schreibenden und mündlich berichtenden Individuen unterschiedlicher sozialer Gruppen und Milieus, ihre Alltagserfahrungen, Sichtweisen, persönlichen Verarbeitungsformen, Bewertungsmuster und Darstellungsweisen. Diese zu erschließen, zu erforschen und zu überliefern ist Aufgabe der Sammlung. Bei Interesse an diesem oder anderen Projekten können die Unterlagen bei vorheriger Anmeldung im Institut eingesehen werden.

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Claudia Pawlowitsch

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Lewa, Max: Biographische Unsicherheit. Zur Umsiedlung im Anbaugebiet 2 des Braunkohle-Tagebaus Nochten/Lausitz, in: Volkskunde in Sachsen (Bd.29), Dresden 2017, S.135-153.

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