Strukturwandel und die Perspektive des Alltags – Über das Potenzial qualitativer Forschung in der Lausitz

I

Der Begriff Strukturwandel wird seit einigen Jahren weithin mit dem Ende der Kohleindustrie in der Lausitz verbunden. Was dies aber für die Menschen vor Ort bedeutet, wird erst durch einen genaueren Blick ersichtlich. Anhand der Lausitz lassen sich langfristige und umfassende Wandlungsprozesse historisch gewachsener Industrieregionen sehr gut beobachten. Die Geschichte der Lausitzer Braunkohlenindustrie ist seit 1945 auch eine transnationale deutsch-polnische. Gegenwärtig stehen beiderseits der Neiße zahlreiche Menschen vor ähnlichen Problemen und Herausforderungen, erleben einerseits Verlust- und Existenzängste sowie andererseits Hoffnung und Perspektiven auf eine andere Lausitz. Vergleichende Blicke von außen auf die Lausitz sind dabei ebenso wichtig, wie die Mikroperspektiven derjenigen vom Wandel betroffenen. Dazu können qualitative Forschungsansätze beitragen, die ein tieferes Verständnis für die Lebenswelten der Menschen vor Ort schaffen.

II

Offenbar wird das mit etwas zeitlicher Distanz, wenn man einen anderen Wandlungsprozess betrachtet, der in der Lausitz stattfand: die Systemtransformation nach 1989. Zahlreiche Ansätze aus der Soziologie und Politikwissenschaft entwickelten sich zu Beginn der 1990er Jahre unter dem Schlagwort Transformationsforschung. Viele Theorien einte dabei die Annahme, im Postsozialismus werde die Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft, das sozialistische Regime zur Demokratie übergehen. Dass aber noch dreißig Jahre später über das Gelingen dieses Vorhabens gestritten wird, beweist wie komplex solche Prozesse sind. Kollmorgen, Merkel und Wagener fassen Transformationen deshalb als institutionelle Wandlungsprozesse, die aber mit nicht steuerbaren Eigendynamiken einhergehen (Kollmorgen u.a. 2015: 17). Oft entstehen ebenjene Eigendynamiken durch das Handeln der Betroffenen in ihren Lebenswelten und -situatio-nen. Ihre Übersetzung in Statistiken und Fragebögen können nur bedingt und abstrahiert verstehbar machen, warum sich Menschen wie zu Wandlungsprozessen verhalten – was beispielsweise Beteiligung für die bedeutet, denen diese angeboten wird.

III

Um das zu beantworten, arbeiten Kulturanthropolog*innen beispielsweise mit biografischen Interviews, Teilnehmender Beobachtung und archivalischen Quellen. Sie fokussieren sich auf die Ausleuchtung kleinerer gesellschaftlicher Ausschnitte. Diese qualitativen Methoden ermöglichen es, dem Alltag der Menschen näher zu kommen und sinnstiftende „Bedeutungsgewebe“ (Geertz 1983: 9) in den Forschungsfeldern zu entschlüsseln. Eine zentrale Prämisse ist dabei ihre subjektzentrierte Perspektive, die den reflektierenden Menschen in den Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen stellt. Sie haben darüber hinaus aber noch eine weitere Besonderheit: den zwischenmenschlichen Kontakt. Welche Bedeutung das einnehmen kann, zeigt sich am Beispiel der Feldforschung im Projekt „Soziales Erbe“ des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Das Projekt widmet sich dem arbeitskulturellen Erbe der ehemaligen volkseigenen Betriebe in der Lausitz. Das Thema ruft durch die zahlreichen Verlusterfahrungen, die ehemals Beschäftigte machten, noch immer Emotionen hervor, während die Lausitz immer wieder medial als Sorgenregion und Wendeverlierer konstruiert wurde und wird. Betroffene sind offenbar vorsichtig im Umgang mit wissenschaftlichen oder journalistischen Anfragen geworden. Eine Projektpartnerin aus Weißwasser brachte auf den Punkt, was andere implizierten: die Lausitz ist eine vielbeforschte Region; Forscher*innen kommen, fragen und verschwinden wieder. Das generierte Wissen verschwindet allzu oft mit ihnen in der akademischen Black Box. Die Menschen in der Lausitz bleiben schließlich die Anderen, ohne sie auch in den Prozess der Wissensbildung mit einzubeziehen. Dem entgegen ist Vertrauensbildung und gegenseitiger Austausch durch zwischenmenschlichen Kontakt ein weiterer wichtiger Faktor – auch darin zeigt sich die Stärke qualitativer Ansätze. Die Annäherung an die Alltagswelten von Menschen und ihre subjektive Sicht auf ihre soziale und kulturelle Wirklichkeit verlangt ein hohes Maß an Empathie und Flexibilität der Forschenden, die „mittendrin statt nur dabei“ (Bischoff u.a. 2014: 9) sind.

IV

Qualitative Ansätze betonen Sinnstiftung, konkretes Handeln und deren Geschichtlichkeit. Im Falle des Lausitzer Braunkohleausstiegs lohnt sich ein Blick über die Grenze nach Polen, wie ihn das Projekt „Energie | Wende“ am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde unternimmt. Ein komparativer Ansatz eröffnet die Möglichkeit, einen ähnlichen gelagerten Strukturwandlungsprozess in zwei Gebieten einer einstmals historischen und später durch Grenzverschiebungen geteilten Region zu analysieren und daraus Erkenntnisse über den jeweils unterschiedlichen Umgang von Akteur*innen mit Umbruchsprozessen zu gewinnen. Wenn wir also verstehen wollen, wie Themen verhandelt werden und wer sich warum und wie daran beteiligt, müssen wir vor allem die Menschen in unseren Forschungsfeldern berücksichtigen. Ein ebensolcher Zugang wie der der Kulturanthropologie stellt ein Gegengewicht zu universalisierenden Annahmen dar (Hegner 2020: 196), indem Eigenlogiken und Spezifika der Forschungsfelder herausgearbeitet werden. Damit ergänzen sich qualitative und quantitative Perspektiven.  

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Katharina Schuchardt & Oliver Wurzbacher

Kontakt: k.schuchardt@isgv.de / o.wurzbacher@isgv.de

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Christine Bischoff u. a. (2014), Einführung, in: Christine Bischoff u. a. (Hg.), Methoden der Kulturanthropologie. Bern, S. 9-12.

Clifford Geertz (1983), Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M.

Victoria Hegner (2020), Umbruchsituationen. Die Fachentwicklung in der Europäischen Ethnologie/Kulturanthropologie nach 1989, in: Zeitschrift für Volkskunde (116, Heft 2), S. 193-216.

Raj Kollmorgen u.a. (2015), Transformation und Transformationsforschung: Zur Einführung, in: Dies., Handbuch Transformationsforschung. Wiesbaden.

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