Welcher Konsum? [Kónnsumm] und [Konnsúm]

„Ich gehe zum Konsum“ war bis zur Wende fester Bestandteil eines gesamtdeutschen Alltags. In der DDR wie in der alten BRD war [Kónnsumm] die Marke von [Konnsúm]genossenschaften. In den westlichen Bundesländern verschwanden sie in den 1970er Jahren weitgehend, beispielsweise überführt in die co op AG. Dennoch ging man noch eine ganze Weile weiterhin zum Konsum. In den östlichen Bundesländern wurde der Verband deutscher Konsumgenossenschaften zu einer wichtigen und erfolgreichen Handelsinstitution. Die größte Handelskette der DDR war privatwirtschaftlich organisiert, gehörte also ihren Mitgliedern. Der Gedenkstein für den Konsumladen in Wolkenberg ist Teil eines Ensembles gravierter Findlinge, die Strukturen und Institutionen des abgebaggerten Ortes in der neu aufgesetzten Landschaft sichtbar machen. Der Konsumsteinbrocken liegt mitten im virtuellen Dorf, an ihm konkretisiert sich gleichermaßen die zentrale Lage des Ladens wie die zentrale gesellschaftliche Bedeutung von Konsum, also dem Verbrauch von Lebensmitteln, von Kohle, von Energie. Die Beanspruchung von Waren und Dienstleistungen ist ein Maß für gesellschaftlichen Wohlstand geworden. Seit den 1930er Jahren wird dies im sogenannten BIP, dem Bruttoinlandsprodukt, dargestellt. „Die Zahl aller Zahlen“ der Weltwirtschaft misst den Geldfluss, es ist ein komplexer Vorgang sie zu erheben, aber am Ende steht eine einfache Zahl. Während des Lockdown der deutschen Gesellschaft durch den Sars-CoV-2 Virus im 2. Quartal 2020 ist das BIP um 10,1% im Vergleich zum Vorquartal zurückgegangen, 11,7% im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das wird als negativ wahrgenommen. Gleichzeitig wurde aber von vielen Menschen als positiv wahrgenommen, dass der CO2-Ausstoß gesunken ist, und auch, dass der Wert von Haus- und Familienarbeit stärker wahrgenommen wurde. Beides geht nicht oder nur untergeordnet ein in den BIP, obwohl hier eine signifikante Veränderung von Konsum stattfand. Aus diesem Grund wird schon seit Jahrzehnten nach einem Zahlenwerk gesucht, das nicht nur den Geldfluss, sondern gutes Leben, zu dem natürlich auch Konsum gehört, darstellt. Zum richtigen Maß gibt es unter Forschern eine lebhafte Debatte, Stichworte sind grünes Wachstum oder mehr Gerechtigkeit beispielsweise in der Einkommensverteilung und natürlich auch die Berücksichtigung der Kosten der Treibhausgas-Emissionen. Es wird also wohl noch eine ganze Weile dauern bis sich ein anderes, angemesseneres „Armaturenbrett“ (http://www.oecd.org/sdd/na/household-dashboard.htm) zur Messung von Haushaltsbewegungen und -bilanzierungen etablieren kann. [Konnsúm] kommt aus dem Lateinischen, cōn-sūmō, und ist zusammengesetzt aus „zusammen-“ (con-) und „nehmen, ergreifen“ (sumere). Das Bedeutungsspektrum reicht von aufbrauchen, verbrauchen, über verzehren, verprassen, vergeuden, verschwenden, verschießen, erschöpfen, zu verstreichen lassen, mit etwas ausfüllen, und schließlich auch zerreiben, vernichten und zerstören, in Bezug auf Lebewesen sogar umbringen und töten. Im Sinne dieser Vielfalt an Bedeutungen wäre zu wünschen, dass die Konsumgesellschaft sich auf die Vielfalt ihrer Verbrauchsweisen besinnt und zu einer Gesellschaft eines gleichzeitig bewussteren und doch lustvollen Konsums findet. Konsum also nicht in Stein gemeißelt, sondern immer wieder neu zu erfinden als Begriff und als gesellschaftliches Handeln.

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Astrid Schwarz

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