Wie werden wir kreativer? Die bisher kaum gedachten Dimensionen des Strukturwandels

Da fröhlich-kritische Diskussion vielleicht die Würze wissenschaftlichen Denkens ist, und kontroverse Texte im Exposé dieses Blogs bewusst gewünscht sind, führe ich den Reigen der Beiträge mit einem solchen fort.

Stefan Zundel hat in seinem Eröffnungstext viele bedenkenswerte Positionen entworfen, deren von mir geteilte und unterstützte ich nicht aufzähle, sondern mich auf die dabei meines Erachtens nicht genannten oder nicht ganz zutreffenden konzentriere.

Zu Letzteren würde ich die von ihm dem Lausitzer Strukturwandel positiv zugerechnete Tesla-Ansiedlung in Grünheide nennen. Raumstrukturell ist der Landkreis, in dem die Anlage gebaut wird, aber gar nicht Teil der Lausitzer Landkreise Entsprechend ist sie auch nicht teil des Lausitzer Strukturwandels, sondern stattdessen ein weiteres Indiz für die Ansiedlung der globale Tech-Szene in und um Berlin. Womit gleich ein weiteres Thema aufgeworfen wird, welches ich als für die Zukunft der Lausitz existenzielles, doch bisher in Strukturwandeldiskursen nicht oder kaum genanntes zähle: Die sogenannte demografische Frage.

Globale Tech-Koryphäen wie Google, Facebook, Microsoft, Amazon und nun auch Tesla siedeln sich deshalb in und um Berlin an, weil dort in großen Mengen jenes „Humankapital“ zu finden ist, welches letztlich deren Spirit und Erfolg ausmacht. Kreative junge Menschen, die nach wie vor in Scharen aus allen Landkreisen der Lausitz in Creative Cities wie Berlin abwandern, weil sie dort jene kreativen und kokreativen Milieus finden, die ihrem Lebens- und Erfahrungshunger als globale Weltbürger – der sie dank Internet inzwischen fast alle sind – besser entsprechen und gerecht werden, als die nach wie oft eher weltfernen und traditionellen Denk- und Lebenshaltungen der Lausitzer Dörfer und Kleinstädte.

Auch wenn man sich über den nachhaltigen Gehalt vieler in den letzten Jahren vom Horx-Zukunftsinstitut veröffentlichten Trendstudien streiten kann, so treffen sie doch manchmal bedenkenswerte Essenzen. So auch ihre jüngste Studie „Free Creativity – Wie wir die Welt verändern können“ . Deren 4 Leitthesen sind folgende:

• Kreativität ist kein Instrument zur Gewinnmaximierung, sondern Quelle sinnhafter Innovationen.

• Von der Ressource zur freien Energie: Kreativität braucht mehr Möglichkeitsräume, nicht mehr Management.

• KI ist eine Inspirationsmaschine für menschliche Kreativität.

• Ohne freie Kreativität keine gesellschaftliche Evolution.

Die Bedeutung von Kreativität für die Zukunft von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur geht daher weit über die sogenannte Kreativwirtschaft hinaus. Sie wird zu einer zentralen „Ressource“ aller Bereiche. Aus dieser Perspektive greifen viele der in Brandenburg wie auch Sachsen bisher für die Zukunft der Lausitz angedachten Maßnahmen, die dank der Milliarden für den Strukturwandel gefördert werden sollen, zumindest zu kurz. Der geplante ICE Berlin-Cottbus-Görlitz und das Casus-Institut für systemische Informatik in Görlitz sind sicher Maßnahmen, die man auf den ersten Blick als Förderungen kreativer Milieus verstehen könnte. Aber ohne weitere Maßnahmen, welche kreative und kokreative Milieus auch im engeren Sinne stärken, könnten auch genau Gegenteiliges bewirken: dass die in den geplanten neuen Wissenschaftsinstituten der Lausitz arbeitenden jungen Wissenschaftler täglich von Berlin oder Dresden nach Cottbus oder Görlitz pendeln können. Dann werden sie auch ihre in ihren kreativen Familien aufwachsenden Kinder weiter vorwiegend in diesen Creative Cities bekommen und aufwachsen lassen – und so das „demografische Problem“ der Lausitz weiter verstärken, statt einer zumindest langfristig hoffnungsvollen Lösung zuzuführen. Denn die Folgen dieses seit 1990 kaum nachlassenden Brain-Drains aus der Lausitz in Städte wie Dresden, Leipzig, Berlin etc. sind massiv: Nicht nur Amazon und Tesla etc. siedeln sich dann weiter dort und nicht in der Lausitz an, sondern auch innovative Ideen und Startups werden weiterhin vor allem dort entwickelt, ausprobiert und in neue Unternehmen verwandelt.

Wie wäre es daher, wenn wir für die Lausitz nicht nur mehr oder weniger traditionelle Infrastrukturen oder Institute andenken, sondern solche, welche ein paar Schritte weiter in die Zukunft reichen. Es gibt weltweit bisher kein Institut für interdisziplinäre Kreativitätsforschung . In Berlin gibt es momentan Ideen, ein solches dort anzusiedeln. Warum machen wir das nicht in der Lausitz?

So ein „Lausitzer Institut für angewandte Kreativitätsforschung“ könnte sich folgenden Themenschwerpunkten widmen:

A – Wie ist individuelle Kreativität zu beschreiben (kognitiv, epistemisch, historisch)?

B – Was macht Kreativität in Gruppen aus, welche Interaktionsmodelle und inter-, transdisziplinäre Forschungskonzepte?

C – Was macht Kreativität in wirtschaftlichen und soziotechnischen Kontexten unabdingbar, wie zeigt sich das?

Damit würde ein möglicher Attraktor nicht nur für leading-edge-Forscher, sondern für kreative Innovatoren generell in der Lausitz etabliert, und so auch ein möglicher Impulsgeber für die in der Vergangenheit vergleichsweise relativ wenigen neuen Unternehmensgründungen in dieser Region.

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV

Maik Hosang

Kontakt: mhosang@hszg.de

Mit Dank an das Redaktionskollegium des Lausitzblogs, insbesondere Astrid Schwarz und Jan Schnellenbach, für die im Text integrierten Anregungen und Ergänzungen.

Beiträge können an die Redaktion des Lausitzblogs unter redaktion@lausitzblog.info geschickt werden.

https://www.zukunftsinstitut.de/ bzw. https://onlineshop.zukunftsinstitut.de/shop/free-creativity-wie-wir-die-welt-veraendern-koennen/ Mehr zur Bedeutung von Kreativität und Kokreativität für Transformationsprozesse siehe auch: Natascha Reith/Maik Hosang: Kreativität und Ko-Kreativität: WIE MENSCHEN EINANDER KREATIV INSPIRIEREN UND DABEI DIE WELT VERÄNDEREN KÖNNEN, Pikok-Verlag, Hochkirch 2019

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